KURZE ECKE

Bernd Schoch erforschte mit „Kurze Ecke“ den Mikrokosmos einer Kneipe. Knobelbrüder, Tresen-Schnacker, Hamburger Seele. Wunderbar.
Kai Uwe Brinkmann, RuhrNachrichten.de

Ein Tag in der Kneipe – das Konzept leuchtet sofort ein. Und der Filmemacher hat sich auch das richtige Lokal dafür ausgesucht: In der „Kurzen Ecke“ trinken Arbeiter, Seeleute und Rentner ihre Biere. Das Durchschnittsalter ist deutlich über 50 und die Wirtin zeigt auf den Fotos an der Wand die vielen inzwischen verstorbenen oder im Heim gelandeten Stammgäste.
Es wird viel getrunken, geraucht und geredet. Man spielt Karten, knobelt und später gibt es dann mit dem Wahlergebnis willkommenen Gesprächsstoff. Die Filmemacher schauen bei dieser in schönstem Schwarzweiß fotografierten Momentaufnahme so genau hin, als würden sie einen ethnografischen Film über eine fremde, langsam untergehende Kultur machen.
Wilfried Hippen, TAZ

Filme vom Grunde eine Bierglases, Zlatan Alihodzic, Der Westen

"...Schoch hat Zeit mitgebracht, und die nehmen sich auch die Gäste von Wirtin Helga. Lebensgeschichten werden kurz gestreift, zum Beispiel die von der 92-jährigen Else, die bis zuletzt kam und Schnäpse trank. Else kommt nicht mehr, das war es. Andere kommen, erzählen von der Seefahrt, vom Schlaganfall, knobeln um Waschmittel und Fisch. Die Wurst, lautet eine der tiefen Wahrheiten, die man erfährt, ist heute nicht mehr so gut wie früher. Draußen ist Bundestagswahl, das sorgt drinnen für kaum mehr als ein paar brummige Laute. Schoch hat hier ein Paradies entdeckt, in dem allerdings der Herbst ausgebrochen ist..."

September 2013, vormittags bis zum Abend. Eine Eckkneipe in Hamburg nahe Großneumarkt: »Kurze Ecke« heißt das Lokal und der Film von Bernd Schoch. Einfache Leute, wie man sagt, als wären die weniger komplex. Man riecht den Rauch, hört norddeutschen Tonfall. Karten- und Würfelspiele, blinkende Spielautomaten, Theken-Talk, Wimpel und Trophäen an der Wand. Das geht nur in Schwarzweiß – eine Geschichte wie von Wolfgang Kohlhase erdacht oder von Käutner inszeniert in einem poetisch erhärteten Realismus. Große Freiheit, Nummer egal. Das waren noch Zeiten. Die Kamera schaut zu. Zwischendrin werden Wirtin Helga, die in Fotoalben blättert, und ihre Gäste befragt. Wären wir in New York, käme Harvey Keitel vorbei. Hans Albers und Manfred Krug sind ganz nah. Unbehauene Gesichter wie vor 50 Jahren. So oder so ist das Leben. Dass es der Tag der Bundestagswahl ist, erfährt man so nebenbei – der Fernseher läuft, die Berichterstattung wird kommentiert. Aber der Termin ist ein Statement. Sind es doch politische Entscheidungen, die soziale Werte definieren, Entwicklungen lancieren, Milieus verändern. Was vom Tage übrig bleibt: Klarer Sieg für Merkel. »Kommt gut nach Hause, schönen Abend.«
Andreas Wilink, K.WEST

Hingewiesen sei deshalb an dieser Stelle auf die NoBudget-Doku Kurze Ecke, mit der Bernd Schoch der sterbenden Hamburger Eckkneipen-Kultur ein melancholisches, schwarzweißes Denkmal setzt.
Oliver Kaever, Zeit online

Mark Stöhr,Filmfest Hamburg Blog

Aber das Wort Hund bellt ja nicht

Ein filmmusikalisches Unikat
Aber das Wort Hund bellt ja nicht heißt Bernd Schochs 48-Minüter: ein ebenso kluger wie mitreißender Musikfilm, der seinen Protagonisten hochkonzentriert bei der Arbeit zusieht.“
Isabella Reicher, Der Standard

Der Film schafft es eine Grenze zu berühren, die andere Konzertmitschnitte in ihren zahlreichen und beliebigen Zusammenstellungen multipler Kameraeinstellungen nicht mal andeuten können; nämlich die Grenze zwischen dem Bild, das zeigt und der Musik, die zu Hören ist.
Daniel Neumann

Der Film seziert ein Ereignis und setzt es im Kino wieder zusammen. Er verengt den Raum, dehnt die Zeit,und ermöglicht dadurch eine intensive Kino-Erfahrung mit dem Free Jazz des Schlippenbach-Trios. Und plötzlich wird das Unsichtbare hörbar und das Fragment gleichbedeutend mit dem Ganzen. Dieser Film ist mehr als ein Musikerportrait. Es ist auch ein Film, der auf radikale Weise von der Übersetzung, der Neuerfindung von Wirklichkeit im Dokumentarfilm handelt.
Michael Girke, Hannah Pilarczyk, Nele Wohlatz - Artepreis Jury

Bernd Schoch hat einen ungewöhnlichen und eindrucksvollen Jazz-Fim gedreht, der zwar aus dokumentarischen Aufnahmen besteht, aber weit über den Dokumentationsaspekt hinaus eine ganz eigene künstlerische Dynamik entwickelt.
Andreas Jüttner, BNN

Der wildwuchernden Musik hat er eine äußerst strenge filmische Komposition gegenübergestellt. Eigentlich gibt es in »Aber das Wort Hund bellt ja nicht« wenig zu sehen und noch weniger wird ›erzählt‹, aber gerade dadurch schafft es Schoch, einen wundersam intimen und dabei sehr präzisen Einblick in diese Musik, diese künstlerische Haltung zu gewähren. Die Behauptung sei gewagt: Noch nie gab es so ein eindringliches filmischer Porträt der freien Improvisation. Und wer genau hinhört, der erfährt auch die Antwort auf die Frage, was Free Jazz im Innersten ausmacht.
Felix Klopotek, Stadtrevue Köln

Musik erklärt man bisweilen am besten mit Musik. Worte können helfen, müssen aber nicht. Dasselbe gilt für Bilder. Ein Musikfilm hat immer mit der Schwierigkeit zu kämpfen, dass seine Bilder Gefahr laufen, völlig überflüssig zu sein oder in der einen oder anderen Form von der Musik abzulenken. Wenn die Sache aber gut geht, sieht und hört man hinterher anders.
Bernd Schochs Dokumentation "Aber das Wort Hund bellt ja nicht" ist so ein Glücksfall
Tim Caspar Boehme, TAZ

Aber das Wort Hund bellt ja nicht / Jahreslisten 2012

Eskaliierende Traeume

Dirty Laundry

New Filmkritik

Mr. Boredom`s

Karl Lippegaus

Klug und mitreißend - Filmbesprechung

Der Standart, online

Viennale Bericht von Lukas Foerster

Cargo-Film Blog

Presse/Kritiken zu Aber "das Wort Hund bellt ja nicht"

DUISBURGER FILMWOCHE
Weitermachen ist eine Kunst
ISABELLA REICHER AUS DUISBURG, 14. November 2011 17:14
Die Duisburger Filmwoche, renommiertes Festival des deutschsprachigen Dokumentarfilms, bewegte sich heuer zwischen biografischen Mikrokosmen und globalen Problemzonen

Zugabe: ein filmmusikalisches Unikat.

***
In Großaufnahme fliegen Finger über Tasten, schnell und immer schneller, bis sie kaum noch wahrnehmbar sind. Während das legendäre Alexander-von-Schlippenbach-Trio, bestehend aus dem Namensgeber am Klavier, Paul Lovens (Schlagzeug) und Evan Parker (Saxofon), eine seiner freien Improvisationen auf- und immer furioser ausbaut, bleibt die Kamera ruhig auf jene Schnittstelle von Instrument und Körper gerichtet, an der die Klangerzeugung vonstattengeht.
Aber das Wort Hund bellt ja nicht heißt Bernd Schochs 48-Minüter: ein ebenso kluger wie mitreißender Musikfilm, der seinen Protagonisten hochkonzentriert bei der Arbeit zusieht. Dazwischen lässt er sie in kurzen Off-Statements ein bisschen was erzählen von der "Ente mit Rotkohl und Knödeln", für die man auf der alljährlichen Wintertour immer wieder mal gerne die Autobahn in Richtung Dorfgasthaus verlasse, oder vom Improvisieren, dessen Kunst auch im Weiterspielen bestehe.
Bei der am Sonntag zu Ende gegangenen 35. Duisburger Filmwoche erhielt Schoch (Slide Guitar Ride, 2005) für seinen Film den Arte-Doku-Preis. Im Programm des diesjährigen Festivals des deutschsprachigen Dokumentarfilms markierte Aber das Wort Hund ... außerdem eine relativ solitäre Position: Zwischen (auto-)biografischen Arbeiten und Konfrontationen mit kulturellen Phänomenen oder gewichtigen Welt-Themen bot er das reflektierteste und überzeugendste Zusammenspiel von filmischen Mitteln und (musikalischem) Gegenstand.
...
http://derstandard.at/1319182795064/Duisburger-Filmwoche-Weitermachen-ist-eine-Kunst

Aber das Wort Hund bellt ja nicht von Bernd Schoch
D 2011| Farbe | 48 Min. | Uraufführung
 
Das renommierte Freejazz-Trio unter Anführung von Alexander von Schlippenbach wurde von Bernd Schoch über eine Dauer von vier Jahren, immer während der Winterreise bei ihrem Konzert in Karlsruhe dokumentiert. Die Musik des Pianisten, Saxophonisten und Schlagzeuger ist zumeist eine Improvisation, die, oftmals bekannte Jazz-Themen variierend, zumindest für den ungeübten Hörer schwer nachzuvollziehen ist und sich in ihren eigenen Zusammenhängen nur an bestimmten Punkten erschließt, da sich die Musiker treffen um sogleich wieder in disparater Einzelarbeit auseinanderzugehen. Eine Dokumentation, die diese sich von einander entfernenden und wieder zueinander findenden Bögen zeigen will, muss deswegen zwangsläufig neben der Beziehung von Instrument, Ton und Bild auch einen Weg finden, die Performativität, wie sie sich in diesem Genre nicht zuletzt als Präsenz von Physis und Kraft der Körper ausnimmt, filmisch nachzuvollziehen.
So stellt „Aber das Wort Hund bellt ja nicht“ den Zuschauer vor ein semiotisches Problem, das schon der Titel selbst andeutet. Denn wie jenes Wort Hund nicht bellt, sondern nur auf den realen, bellenden Hund verweist, klingen nicht die Bilder selbst, sondern nur die Musik, die sie, die Spieler zeigend, vermittelt. Die Dokumentation versucht ebenjene Schnittstelle, an der die Aufnahmen die Musik fühlbar und nachvollziehbar machen, zu konzentrieren, bzw. zu essentialisieren. In drei Segmenten, die jeweils einem unterschiedlichen Konzert entnommen sind, verharrt eine Kamera ohne Schnitt auf jeweils einem der drei Musiker. Mit hoher Brennweite verengt sich der Kader auf ein Detail, eine Hand oder ein Gesichtsausdruck, und lässt den Rest des Bildes in Musik zergehen. Wenn dann etwa der Saxophonist zu sehen ist, lässt die Machart des Films den gewöhnlichen Kausalzusammenhang von einem Spieler, den man Spielen und so die Töne entstehen sieht, hinter sich, indem sie sein Gesicht isoliert, das nur frenetisch an dem Mundstück des Saxophons zerrt, sich aufbläst und schüttelt, während die Musik, die im Off sich vollzieht, immer schneller und wilder wird. Ebenso die Hände des Alexander von Schlippenbach, die, in einem Ausschnitt isoliert, ein Eigenleben gewinnen und so schnell über die Klaviatur huschen, dass sie kaum mehr sichtbar sind.
Der Film schafft es so eine Grenze zu berühren, die andere Konzertmitschnitte in ihren zahlreichen und beliebigen Zusammenstellungen multipler Kameraeinstellungen nicht mal andeuten können; nämlich die Grenze zwischen dem Bild, das zeigt und der Musik, die zu Hören ist. Ein Ton ist die reine Dauer, die sich in der Zeit entfaltet und dynamisch wird, sich so ständig selbst aufhebt und keine Demarkation bildet, die keine Arithmetisierung, oder mathematische Einteilung während des Hörens selbst erlaubt, es sei denn zum Preis ihrer Versteinerung. Eine Struktur in sich, die nicht so mit den Bildern korrespondieren kann, dass beide zusammenfallen, weil die Bilder, die die Erzeugung der Töne zeigen – sei es, indem sie die Instrumente abbilden, sei es, indem sie die Gesichter und Köpfe zeigen, die den Verlauf konzipieren – immer einen Anfang und ein Ende haben, die Zeit nicht musikalisch zusammenziehend, sondern in berechenbare Einheiten zerlegend; denn eben die Kopplung an die Materie, an das Feste, das seine Gestalt zwar verändert aber beharrt, lässt die Bilder immer diesseits der Musik bleiben. Die Intensität des Eindrucks muss deshalb noch immer am höchsten bleiben, wenn man die Augen schließt und die Aufnahmen, die das Geschehen Begleiten, Begründen und in einer ihm fremden Struktur anordnen, ausblendet, um sich ganz von der auditiven, in sich selbst geschlossenen Ebene, einnehmen zu lassen.
(Daniel Neumann)

Wie festgewachsen saß ich am Donnerstagabend in meinem Kinosessel, unfähig mich zu rühren. Grund war der Film „Aber das Wort Hund bellt ja nicht“ von Bernd Schoch, ein Film über den Free Jazz und das berühmte Schlippenbach Trio.

Paul Lovens fliegende Hände am Schlagzeug, so schnell, dass man sie manchmal nur verschwommen sieht. Schlippenbach, der während eines Pianosolo stumm die Lippen bewegt, während ihm kleine Schweißperlen langsam die Stirn herunterlaufen. Parker am Saxophon. Virtuos spielt er mit geschlossenen Augen ohne innezuhalten, er atmet in sein Instrument, sein Gesicht scheint dabei völlig entspannt. Und schließlich der Klang des Free Jazz: frei, extrem, intensiv. Sei es meine eigene Liebe zur Musik oder der Film selbst, ich war gefesselt.

Ohne Vorankündigung überraschte Regisseur Schoch eines Abends im Jahre 2007 das renommierte Schlippenbach Trio im Karlsruher Jazz Club mit der Bitte, er wolle einen Film über sie machen. Drei Jahre vergingen, jeweils drei Konzerte innerhalb von drei Jahren wurden begleitet. Entstanden ist ein technisch minimalistisch gehaltener, ästhetischer, intensiver Film, der den Zuschauer sowohl zum Zusehen als auch zum Zuhören drängt.

Der Film ist in vier Teile fragmentiert, wobei jeweils auf jeden einzelnen Musiker und letztlich auf das Zusammenspiel der drei zusammen Wert gelegt wird. Schoch verzichtet auf viele Schnitte, bereichert den Film mit kleinen Interviews der einzelnen Musiker, was ihm eine immense Intensität gibt und auch von typischen Bandreportagen unterscheidet. Was hier zählt, das sind die Musiker und ihre Musik.

Nach dem Film wurde diskutiert. Manch einer war der Meinung Bild und Ton könne man hier nicht vereinbaren, ein anderer war völlig euphorisch, er habe sich dem Free Jazz niemals mehr verbunden gefühlt, wieder ein anderer sagte, er habe mit den Augen hören können. Die Meinungen gingen da auseinander, doch der Konsens blieb: Dieser Film sei ein Unikat, das es so wahrscheinlich nicht noch einmal gibt.

(Marie Falke)

http://film.hfg-karlsruhe.de/blog#Aber_das_Wort_Hund_bellt_ja_nicht

07Nov1 Kom.
Spoiler-Alert:
Bernd Schochs
ABER DAS WORT HUND BELLT JA NICHT
hat Premiere in Duisburg
35. Duisburger Filmwoche
10.11.2011
22:30
filmforum Duisburg

Bernd Schoch, künstlerischer Mitarbeiter am Studienschwerpunkt Film der HfBK und Regisseur von SLIDE GUITAR RIDE über das One-man-Brachial-Blues-Faktotum Bob Log III (zu sehen gewesen bei UNERHÖRT! 2009), hat Premiere in Duisburg.

Die Prestige-trächtige Duisburger Filmwoche geht zwischen 7. und 13. November 2011 in ihr 35. Jahr und bringt für das Feld der Dokumentarfilmproduktion aus dem deutschsprachigen Raum mal wieder etablierte Namen (heuer: Farocki, Karmakar, Mikesch, Geyerhalter, Glawogger, Heise, Adolph, Specogna, Hübner/Voss, Imbach, Burger und Beckermann) mit jungen Filmemachern in einem diversen Programm zusammen - ein tolles Festival mit hoher Diskussionskultur (s. auch: www.protokult.de), und das für schlappe
25,- EUR Akkreditierungskosten!

Duisburg stellt traditionell hohe Ansprüche an die formalen Aspekte filmischer Arbeit. Ein Film, der hier gezeigt werden will, darf nicht lediglich Behälter für inhaltliche Recherche sein, zumindest das Bemühen um eine Auseinandersetzung mit seinen spezifischen Produktionsmitteln muss erkennbar sein, denn: Echte Durchdringung welchen Gegenstands auch immer erreicht nur, wer ein Bewusstsein von den Möglichkeiten der genutzten Darstellungstechnik entwickelt und dieses Bewusstsein dann auch im konkreten Werk Ausdruck finden lässt.
Für diese Haltung zum Dokumentarfilm liefert Bernd Schoch mit ABER DAS WORT HUND BELLT JA NICHT ein an Klarheit kaum zu überbietendes Anschauungsobjekt. Wer sich das Vergnügen der eigenen Entdeckung bewahren möchte, hört hier einfach auf zu lesen...

Den Freejazz des Alexander von Schlippenbach-Trios filmen - an der Aufgabe kann man sich schon mal überheben. Schochs Lösungsvorschlag ist ein ebenso schlichtes wie kompromisslos umgesetztes Konzept. Die 48 Minuten seines Films geben vier Stücke zu hören und zu sehen, vier Stücke von vier Auftritten aus vier aufeinanderfolgenden Jahren, live aufgenommen am immergleichen Veranstaltungsort - eine Art Ritual. Jedes Jahr bekommt seine ungeschnittene Einstellung: 2007 rahmt die Hände von Schlagzeuger Paul Lovens; 2008 beobachtet das Saxophonspiel Evan Parkers, vor allem sein im Rhythmus der Zirkularatmung an- und abschwellendes Gesicht; 2009 wandert von den Pianistenhänden Schlippenbachs zu seinem Mund und zurück. Die vierte und jüngste Sequenz verbindet alle drei Musiker in einer langgezogenen Bewegung, die Kamera bleibt auf dieselben musizierenden Körperpartien gerichtet, nur die Reihenfolge der drei Vorjahre wird umgedreht: Klavier. Saxophon. Schlagzeug.

Dann gleitet die Aufmerksamkeit zurück zum Saxophon und plötzlich, mitten im letzten Stück, legen sich das Schwarzweiß und die grobe Zeilentextur alter TV-Bilder mit drei deutlich verjüngten Herren über die fortlaufende Musik. In der Gestik und Zeitökonomie ganz früheres Kultur-Fernsehen - noch stolz auf die Handhabung der Technik und schon verschreckt durch die Fiktion vom ungeduldigen Zuschauer -, wird über die Hände des Drummers auf die Blähbacken des Saxophonisten, schließlich auf die Hände des Pianisten und von dort auf dessen Kopf geschwenkt.
Das Fragment fließt kurz durch den Film, schnell ist man wieder zurück in der Farbe von 2010, im vierten Stück, das im Gegensatz zu seinen drei Vorgängern nicht abrupt verlassen wird, sondern ausklingen darf. Ein letzter Schweißtropfen stürzt durch's Gegenlicht, ein flüchtiges Lächeln am Kinn, dann ein harter Schnitt auch hier, der finale.

Doch dieser Zeitpunkt ist vorerst noch nicht gekommen. Bis dahin breitet sich schleichend Begreifen aus: Mit der Einlegearbeit des Archivmaterials hat man gerade den Grundriss des noch laufenden Films gesehen! Indem Schoch diese 1970er-Bildregie-Blickführung in seinen Film integriert, schafft er nicht nur eine historische, sondern auch eine ästhetische Referenz. Er kritisiert in die Jahre gekommene Abbildungsmuster, allerdings nicht durch wütendes Alles-ganz-anders-Machen, sondern durch Verfahrensverbesserung, durch Feststellen des alten Blicks, durch seine Dehnung in der Zeit, durch Konzentration und Insistieren und Innehalten. So destilliert der neue Film aus der angespielten Vorleistung seinen eigenen formalen Aufbau.
Ein wenig lässt er sich auch hypnotisieren vom Geschehen in seinen engen Ausschnitten, vom Tanz der Formen zu einem Klang, der sein Enstehen den Bewegungen eben dieser Formen zu verdanken hat. Ein wenig könnte einem schwindelig werden im Loop dieser Rückkoppelung zwischen Musik- und Filmmachern. Karussell im Kopf, Ahnung von anderen Zuständen.

Die vier Stücke in ABER DAS WORT HUND BELLT JA NICHT sind durch vier minimalistisch-lyrische Bildpassagen voneinander getrennt. Es fällt Schnee. Grau-weiße Landschaft rauscht vorbei. Krähen schwärmen. (Das letzte Album des Trios von 2006 trägt den Titel "Winterreise".) Eine monochrome Kinderzeichnung wird gegen die Leserichtung abgetastet, diesmal: Saxophonist, Schlagzeuger, Pianist.
Zu drei dieser vier Stimmungen teilen die Musiker jeder für sich mehr oder weniger lose Gedanken zu ihrem gemeinsamen Schaffen mit (Sprechreihenfolge: Parker/ts, Lovens/dr, von Schlippenbach/p). Im Off. Keine talking heads, keine Anekdoten und ganz sicher keine Erklärungen; eher Beschreibungen von Strukturen.
Nach Erklärungsansätzen kann man natürlich im Netz fahnden und dann dort z.B. sowas finden (es geht irgendwie um künstliche Intelligenz...):
"Die Beschreibung hat selbst natürlich ganz andere Eigenschaften als das Beschriebene. Das Wort 'Hund' bellt nicht, der Satz 'Ich falle herunter' fällt nicht. Beschreibung und Beschriebenes befinden sich auf verschiedenen Ebenen."

Wenige Musikfilme haben den Unterschied so gut verstanden wie dieser.

Nach Vorführung und anschließender Diskussion, so gegen Mitternacht, spielt Alexander von Schlippenbach ein Solo-Konzert.

Mehr zu Bernd Schoch: www.berndschoch.de (dort auch ein schöner Trailer zum Film)

Mehr zu Alexander von Schlippenbach: www.avschlippenbach.com

Posted by Ralf on 07.11.2011 at 22:40 Uhr

http://www.unerhoert-filmfest.de/index.php/site/comments/das_wort_hund_schoch_in_duisburg/deutsch/

Klug und mitreißend - Filmbesprechung

Der Standart, online

Viennale Bericht von Lukas Foerster

Cargo-Film Blog

Presse/Kritiken zu "Slide Guitar Ride"

Der Förderpreis der Stadt Duisburg, dotiert mit 5.000 Euro, geht - ex aequo - an:
Slide Guitar Ride
von Bernd Schoch, Deutschland, 2005, 82 Min

...ganz anders wirkt Musik in Bernd Schochs Slide Guitar Ride. Der amerikanische Blues-Gitarrist Bog Log III zelebriert sein Leben als glamouröser Rockstar und Hedonist auf der Low-Budget Ebene. Diese Do-It-Yourself-Attitüde von Rock und Fun spiegelt sich auch in Schochs filmischer Gestaltung wieder. Er variiert auf findige Weise das Format der Musik-Doku mit kleinen Animationseinlagen, witzigen Interviews und gewiften Kamerablicken und überträgt so mühelos die Energie von Rock'n'Roll auf die Bilder im Kino.
5. November 2005, die Jury: Didi Danquart, Birgit Kohler, Wolfram Knorr, Alexandra Seibel,
Brigitte Werneburg, Fritz Wolf
filmzeitung.de, Nov 2005

Bernd Schoch fügte mit "Slide Guitar Ride", der den Extrembluesgitarristen Bob Log III auf eine Reihe von Konzerten begleitet, noch eine weitere gelungene Musik-Doku hinzu: Zwischen furiosen Leg-Riding-Episoden, animierten Sketches und bizarren Interviews fallen irgendwann die wunderbaren Sätze: "God, I know I'm nothing. But I'm having so much fun."
Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, Printausgabe, 8.11.2005

Eine eigenwillige Lebensphilosophie, für die Musik zum eigentlichen Medium avanciert, visualisiert hingegen Bernd Schoch in "Slide Guitar Ride". Während der texanische Blues-Gitarrist Bob Log III als One-Man-Band weltweit durch Indepent-Clubs tingelt, sich selbst als bizarren Rock-Star feiert und eine Do-IT-Yourself Attitüde plegt, gelingt es Schoch die Faszination seiner Musik durch furiose Leg-Riding-Einlagen, animierte Sequenzen und kuriose Interviews auf die Bilder zu übertragen. Ein "postmodernes" Verfahren, das bewusst die Produktionsbedingungen im Werk selbst erscheinen lässt; der"No Budget"-Musik ein "Lofi Filming" zur Seite stellt.
Margarette Wach,Filmdienst 25/2005

Eine Animation mit Knetfiguren in einem Film über einen Rocksänger: Wo gibt`s denn so was? - Antwort: In der Dokumentation "Slide Guitar Ride" von Bernd Schoch. Der findige Filmemacher (Jahrgang 1971) porträtiert den texanischen Blues - Gitarristen Bob Log III, der nur in der Rolle eines Helm-tragenden Rockstars öffentlich auftritt. Mit "witzigen und gewieften Kamerablicken" fängt Schoch seinen Protagonisten filmisch ein. Und dazu gehört auch, dass er eine der vielen unglaublichen Storys von Bob Log III mit Knetfiguren nachstellt (es geht dabei um den vergeblichen Versuch, im Stehen schlafende Kühe umzukippen).Schoch wurde jetzt bei der Duisburger Filmwoche mit einer Hälfte des Förderpreises der Stadt Duisburg ausgezeichnet.
Peter Klucken, Rheinische Post 07.11.05

"Slide Guitar Ride" von Bernd Schoch porträtiert in seinem ohne Fördergelder entstandenem Film den US Rocker Bob Log III, der grundsätzlich nur aus einem Motorradhelm heraus singt, auf eine sehr witzige und abwechslungsreiche Weise und trifft mit seinen Bildern den Ton.
epd medien, Nr 89/05

If anyone gets a chance to see the Bob Log III doco "Slide Guitar Ride" that is fucking wicked, but it's very very underground...I saw a DVD projected copy at a small arts cafe type thing, so I'm not sure if they are going to do a proper release of it, but it was one of the best doco's, even if you don't know the music.

Sample quote "I said "I can't go back on stage, my ass is bleeding too badly", and all the girls backstage heard me, and that's why the donnas and the Sahara Hot Nights won't speak to me anymore"
bigstig, gigwise.com forum

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